[schuld und sühne. dostojewski]

Sankt Petersburg. Russland bricht über dem Leser herein, in all seinem Elend, der Armut, des Wodkas, mit all seiner Wucht. Der junge Raskolnikow begeht, wie es scheint aus dem Nichts, ein Verbrechen, von dem man, trotz aller üblichen Moralvorstellungen, bis zum Schluss nicht weiß, ob es denn auch eines war. Und damit entstrickt sich eine Fülle von Abgründen der menschlichen Seele, die Dostojewski scharfsinnig und präzise, doch ohne dem Leser jegliches Denken abzunehmen, ausführlich beschreibt. Man hält stets den Atem an, ist überwältigt von der Beobachtungsgabe, ja von den Menschen selbst, in denen man sich nur zu deutlich wieder erkennen kann.  Nichts ist wie es scheint. Nichts ist leichtfertig zu bewerten oder zu richten, wenn sich die menschliche Seele einmal in ihrer Komplexität dargelegt hat. Werte und Normen werden erschüttert mit jedem erneuten Blick auf das Innenleben der Personen. In kleinsten, dichtgedrängtesten Buchstaben auf 700 Seiten, werden Netze gesponnen, entsponnen, gesponnen und wieder entsponnen, bis nicht nur Raskolnikow nicht mehr weiß wo ihm der Kopf steht. Dostojewski ist dem Leser stets mehrere Schritte voraus und scheint alle paar Seiten mit einer neuen unerwarteten und doch so unglaublich realistischen Wendung aus dem Hinterhalt hervorzuspringen. Selten ist ein so langes Werk so wenig langatmig. Und selten ist eine Geschichte über die Menschen und ihre dunkelsten Seiten, doch voll purer Menschlichkeit, voll bedingungsloser, altruistischer Liebe, die wiederum so schwer zu ertragen zu sein scheint, das sie uns beinahe an den Rand des Abgrunds drängt…

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