[Kindheitsträume vol. 1]

Als ich klein war wünschte ich mir nichts mehr als jemanden, der so ist wie ich. Ich glaube, am liebsten hätte ich einen Zwilling gehabt. Aber der war nicht da. Sondern nur Mama und Papa und ein Meerschweinchen, das nie zu sprechen anfing und dem ich schon damals das Essen wegfutterte. Wie hätte das erst mit einem Zwilling werden sollen. Den Wunsch nach diesem, mir zugehörigen, Menschen habe ich nie aufgegeben. Jeden Abend sollte ihn einer hören müssen. Jahre lang. Währenddessen träumte ich von Sonne und Bergen, von Luft und Wolken, wollte nie aufhören zu laufen und immer ganz oben ankommen und auf die Welt nach unten schauen. Vielleicht kann man es nicht Kindheitstraum nennen, weil ich es erlebt habe. Aber ich habe davon geträumt, wenn ich den Traum nicht erleben konnte. Ich habe kaum etwas mehr geliebt als der Welt so nah zu sein. Genau wie ich auch von Musik nicht genug bekommen konnte, und nicht von Antworten, die mir kaum jemand geben konnte. Ich wollte tanzen, meine Ärmchen durch die Luft schleudern, mich verwandeln mit jedem Ton. Mit allem was ich tat, wollte ich zu mir selbst tanzen, tauchen, laufen, steigen. Neugierig wollte ich wissen wer ich bin. Mal sollte dieses Ich Maskenbildnerin sein, mal Tänzerin, mal Kommissarin. Und dann wurde ich Schwester. Ein Kindheitstraum unterm Weihnachtsbaum. Da lag kein Geschenk, sondern da sagten mir meine Eltern, dass Mama schwanger sei. An die folgenden Monate kann ich mich nicht erinnern. Eines Morgens wachte ich auf und meine Eltern waren nicht da, sondern im Krankenhaus. Ich habe ein Bild gemalt, ein Herzlich-Willkommen-Schild. Das habe ich in das Bettchen ans Kopfende gelegt und mit meinen Fingern über den Platz gestrichen, an dem bald ein kleiner, mein kleiner, Mensch liegen sollte. Und dann träumte ich viel vom Verlust meiner Eltern, vom Verlust meines Bruders. Ich träumte vor allem davon, von Verlust nicht träumen zu müssen. Meine Kindheit und ihre Träume waren vorbei.

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