[Frankfurt – Fulda. Bahn-abenteuer]

…In Frankfurt stehe ich schließlich mit meiner ersten Zigarette an diesem Tag da und lausche einer ganz neuen, völlig unerwarteten und spektakulären Begründung für die Verspätung meines Zuges. Aufgrund polizeilicher Ermittlungen, erst 10min, dann 20min verspätet. Auch hier höre ich irgendwann auf mitzuzählen und auf meine Uhr zu sehen. Schick. Hört sich zugegebenermaßen gut an. Die Raucher versammeln sich um den Aschenbecher und können die „Unannehmlichkeiten“, wie es die Bahndame so charmant nennt, nur müde belächeln. Ich finde es lustig und, mal ganz abgesehen davon, dass ich noch später zuhause sein werde, aufregend. Erstaunlicherweise, obwohl ich schon mit einer Übernachtung in Frankfurt gerechnet hatte, kam der Zug doch noch und ich erwische einen Platz. Hinter der Reservierung auf dem Platz neben mir steckt ein klischeemäßiger Bänker. Anzug von Drykorn, weißes Hemd, Brille, zurückgegellte Haare, Büroteint. Welten kollidieren als ich mich neben ihn setze. Vorurteile sind eine interessante Angelegenheit, fällt mir auf, als ich ganz automatisch meine Chucks unter dem Sitz zu verstecken versuche. Und ihn halte ich sowieso schon für einen Schnösel, liege damit aber falsch, wie sich erfreulicherweise noch herausstellen soll. Nachdem ich meine Brille aus der Reisetasche fischen konnte, kann er sich ein Grinsen nicht verkneifen und weist auf unsere Brillenträgerverbrüderung hin. Ja, ich brauche so ein Ding auch. Wir grinsen uns an und lesen weiter. Er liest irgendein wahnsinnig spannendes Finanzblatt, zugegebenermaßen heutzutage tatsächlich spannend, aber für Laien nach wie vor unbegreiflich. Ich lese meinen Dostojevskij weiter, besser gesagt, ich versuche es, denn schräg vor uns werden wir von einem merkwüdigen Bahnangestelltengespann von jeglicher Weiterbildung abgehalten. Eine laute Dame, die genauso viel Spaß am Leben zu haben scheint, wie es Fett an ihrem Körper gibt,… vielleicht hat sie auch einen Zuckerschock. Ich muss allerdings eingestehen, dass ihre Perfomance tatsächlich amüsant ist. Jedenfalls versucht sie ihrem Kollegen, mit dem sie offenbar eine Liaison hat, das Handy zu entwenden um seine Kontakte zu etwaigen anderen Damen zu überprüfen. Die beiden zanken und rangeln, kitzeln und halten sich vom Schlafen ab und versuchen nebenbei auf heikle, dennoch spielerische Art ihre Beziehungsfrage zu klären. Eine Klärung des genauen Beziehungsstatus kann ich allerdings nicht vernehmen. Mein Bänker und ich haben beide ziemlichen Spaß an der Geschichte. Als dann auch noch die Dame neben uns es nicht schafft die Freisprechfunktion ihres Mittelalterhandys auszuschalten, prusten wir beinahe los. Unterschiede verschwinden dann plötzlich ganz schnell. Während die Gute in ihr Handy schreit, weil sie offenbar nicht zu begreifen scheint, dass sie nicht auch laut sein muss, nur weil es ihr Handy ist, versuchen wir verzweifelt mit unserer Lektüre voranzukommen. Dabei werde ich nur leider auch wieder gestört, weil mein Bänker einer der Menschen zu sein scheint die noch grundschulartiges Lautlesen praktizieren. Ja, die Dezibel sind geringer, aber dafür umso störender – dieses kleine permanente Lippenbewegen und nuschelige Flüstern. Nachdem es mich abwechselnd höchst genervt und amüsiert hat, habe ich mich nach etwa 30 Minuten unserer Beziehung an seine Macke gewöhnt und finde sie jetzt niedlich. Niedlich finde ich auch dass er über die Finanzlage anscheinend noch lachen kann. Was da wohl drin steht, dass man als Bänker beim Durchlesen immer wieder anfangen muss zu kichern? Nachdem wir uns an das Zusammenleben gewöhnt haben und bereit sind uns etwas mehr neben dem anderen auszubreiten, holen wir unsere portablen Medien hervor. Mein Laptop wird aufgeklappt, sein iPad, na klar, umständlich aufgestellt. Während ich mich schon neben ihm lächerlich mache, weil ich mit meinem Handytouchscreen vollkommen überfordert bin, fliegen seine Finger lässig über das neumodische Teil. Wir lachen mich und meine Unfähigkeit kurz aus, lassen uns kurz von ihm demonstrieren wie einfach das doch geht und dass ich das eigentlich können würde, wenn ich nur wollte. Dann fange ich an unsere Beziehung in meine Tastatur einzuhämmern, während er sich einen Softporno reinzieht, neben mir. Ja, so weit sind wir schon!

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