[ Ein russisches Märchen ]

Schlaflos stand ich, lag ich, am und unterm Fenster. Zum Fenster wehte herein, in rotem Nachtluftschein, das Gefühl einer Vorhersehung, die sich in Schlaflosigkeit sachte um mich schlang. Ich lag wach in kalter Luft und roch bereits deinen Duft knistern in tschechischer Sommerluft. Kilometerweit kamst du zu mir hereingeschneit. Wach lag ich und sah dein Gesicht, das sich über meines schob, sich unter meines hob. Russische Eiskristalle flogen, tänzelten durch die Prager Nacht. Ich hätte gelacht, doch unter tschechischem Schnee, war mir nicht danach. Russische Eiskristalle legten sich auf meine Wangen und ließen mich bangen um die kurze Prager Zukunft. Und mit dem Wind flog mit meine Vernunft und ich lief und stolperte und holperte über Pflastersteine durch und über die Stadt. Wie ausgedacht, hatte ich eine Geschichte und Worte vor mich hin gelacht. Bier in der Hand und in dem Mund, rollten russische Eiskugeln sich rund. In einer Nacht, die doch mehr Sommer war als Winter, roch die Prager Luft nach vereistem Ginster. Ich lief und lief und lachte, weil ich schon an dich dachte. Und auf der Karluv Most, da blieb ich stehen, hielt die Hand über die Stirn und konnte dich nicht sehen. Nur weißes Licht, das brach auf mich hernieder und um uns herum. Da fielen Touristen durch Alkohol und betrunkene Lieder. Blaues Licht, das zog uns dicht an sich heran. Wir hielten uns an Händen. Jugendliche lehnten besinnungslos an rauen Wänden. Wir brachen uns durch Schweiß und Staub und hörten Minderjährige sich laut erbrechen. In zu viel Licht und zu viel Geräusch schnellten Bewegungen durch heiße, feuchte Luft. Alkohol floss und tropfte in schwerer Schwärze von der Decke und legte sich um mich, um uns, wie ein Mantel nächtlicher Dunkelheit. Prager Betrunkenheit ließ mich tanzen über der Stadt. Meine Arme strichen glatt durch leichten Zigarettenduft. Und da standest du in Dunkelheit, erspähtest mich in meinem Prager Kleid. Meinen Puls hatte ich gefunden und mit ihm dich. Irgendwo dazwischen, zwischen Schwarz und Licht, konntest du mir nicht entwischen. Dein Gesicht gehüllt in schwarze Nacht, das Licht auf meiner Seite. Und deine Nacht übertrat die Grenze zu der meinen. Du schwanktest, dein Kopf umhüllt von schwarzem Stoff, und sahst mir zu, wie mein Tanzen tropfte in und durch ein buntes Meer hindurch. Mein Herz begann und hörte nicht auf, sich eine Spur zu klopfen, zu deinem geschwärzten Ich. Ich sah dich und ich sah dich nicht. Und doch folgtest du mir und wolltest dich in meinen Regenbogenozean stürzen, die Oberfläche durchbrechen, mit deiner Eiseskälte. Deine Augen, eisgekühlter Wodka auf meiner Haut, hatte ich mir genauso wenig geglaubt, wie all die Lügen, durch dein Lachen aufgeraut. Ich fühlte deine Worte mir durch meine Ohren dröhnen und deine Hände mein Genick mir brechen. Nichts krachte und ich lachte. Deine Küsse vermischten, verwischten sich in Prager Licht und farbvollen Elektrosound. Meine tschechische Kopie, die verließ mich nie, die folgte dir, bis hinaus in einen Prager Morgen. Mit ihm kamen die Sorgen. Sorgen um zu viel Alkohol und deinen Ring, der vorhin, wie mir schien, noch gar nicht an deinem Finger hing. Deine Finger aber lagen auf meinen, meinen Beinen, meinen Armen, meinen Wangen. Und ich spürte mich erlahmen unter deinem schweren französischen Parfum, das sich um mich goss und um mich floss. Unter dem ich in der Vltava sachte dann ertrank. Ich erkrankte an Gedanken, die nicht meine waren, die einer anderen gehörten, sich empörten, gegen mich. In lautem Denken und in zu hellem Licht, konnte ich dem glauben nicht, was ich da sah. Deine Bewegungen und deine Lügen waren mir so nah, hingen mir vor meinem Gesicht, und sahen mich doch nicht. All deine Hände überall und deine englischen und französischen Worte, konnten auch durch Menge keinen Sinn finden, in einer Zukunft, die du mir versprachst und die es doch nicht gab. Deine russisch blauen Augen wollten mir nicht glauben und erzählten mir Märchen, von glücklichen Pärchen, hier und anderswo. Doch hier war hier und jetzt war abgehetzt unter tschechischem Regen. Ich wollte und sollte mich bewegen, und war umklammert von goldenen Klauen, und begrenzt von silbernen Wänden, gehalten von deinen Händen. Es wollte nicht enden und konnte nicht wenden zu einem anderen Ende hin. Ich konnte nicht schweigen und ließ die Neugierde frei und fragte nach Sinn. Da war ein Gefühl in dem mondänen Raum, das stoß meinen Bauch um und machte meinem Kopf Schmerz. Deine unwahren Worte hatten sich in Eiskristallen geklammert um mein Herz. Mächtiger Glanz einer vergangenen, dunklen Nacht ließ uns erblassen und ließ uns  zurück in wenig Surrealität. Es war zu spät, es war zu spät, ich fand mich wieder, in einer Realität, an einem Ort, an den ich nicht gehörte. Ich hörte deine Antworten schließlich, durch viele Schichten eines luftigen Kleides. Und als ich ging, war ich eine Kopie meiner Selbst, ein kläglicher Rest, nur Wahres steht fest. Ich lief durch eine Stadt, die ein Wendepunkt hätte werden können, für dich und für mich. Doch als wir zu tanzen, uns zu drehen aufhörten, holte sich kalte tschechische Luft meinen Atem. Ich konnte nicht mehr warten. Letzten Endes, mit leeren Händen, war mein Gesicht erblasst. Letzten Endes, hattest du mir deinen Duft da gelassen, in einer Stadt, in der ein russisches Märchen mich alleine hatte zurück gelassen.

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